"Die Denkschrift" von Sebastian d'Huc

Das Ende der Geschichte endet. Beobachtungen über die Zukunft der Arbeit.

von Sebastian d‘Huc, 10. 01. 2020

In der sechsten Demokratischen Vorwahldebatte fasste Andrew Yang, amerikanischer Präsidentschaftskandidat, seine eigene Bedeutungslosigkeit mit folgenden Worten zusammen: „Ich weiß, was sich die amerikanischen Bürger gerade fragen: Warum bin ich eigentlich noch hier?“. Die in dieser Kokketiererei mit seinen eigenen Umfragewerten verborgene Frage ist jedoch gar nicht so schwierig zu beantworten: Yang hat sich, im Gegensatz zu politisch deutlich prominenteren Persönlichkeiten wie Kamala Harris und Cory Booker bislang durchsetzen können, weil seine progressive Kernforderung darauf abzielt, eine der drängendsten Zukunftsfragen unseres kapitalistischen Wirtschaftssystems zu lösen.

Yang fordert ein Bedingungsloses Grundeinkommen, welches er „Freedom Dividend“ nennt, um dem – seiner Meinung nach - drohenden Kollaps der Weltwirtschaft durch Automatisierung und Algorithmisierung zuvorzukommen und entgegenzuwirken. In seinen eigenen Worten: „Ich möchte die Probleme lösen, die zur Wahl Donald Trumps geführt haben“. Die Diagnose: mehr und mehr Roboter in der Fertigung haben den amerikanischen Arbeiter redundant gemacht, China hat ihn unattraktiv gemacht, gleichzeitig haben Amazon und Co den amerikanischen Einzelhändler um Lohn und Brot gebracht, sogar ohne dabei Steuern zu zahlen. In Zahlen: 47% aller Berufe sind „mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit“ in den nächsten 15 Jahren durch computergesteuerte Systeme ersetzbar (Frey & Osborne, 2013, Oxford). Ein einziger technologischer Durchbruch – nämlich die Marktreife von selbstfahrenden LKWs – könnte in den USA 15,5 Millionen Arbeitsplätze überflüssig machen. Und bereits heute hat Automatisierung in den USA bereits vier Millionen Fertigungsjobs vernichtet. (Yang 2019)

Automatisierung und Algorithmisierung als die größte Gefahr für unsere Gesellschaft?
Und das Bedingungslose Grundeinkommen als die Rettung derselben? Die Meinungen dazu gehen auseinander, auch unter Politologen und Wirtschaftswissenschaftlern. Während die einen den Rückgang der verfügbaren Arbeitsplätze als alternativlos betrachten, argumentieren andere, dass die alten Jobs lediglich durch neue, andere Berufe ersetzt werden. Endgültige Klarheit darüber steht noch aus. Klar ist aber, dass dies Fragestellungen und Überlegungen sind, mit denen sich auch die deutsche Gesellschaft im Laufe der 2020er Jahre auseinandersetzen wird. Zumindest – und dieses Qualitätsmerkmal guter Staatsführung sollte unkontrovers sein – wenn wir verhindern wollen, dass wir Silvester 2030 möglicherweise in einem tief gespalteten, wirtschaftlich stark geschwächten Land feiern wollen.

Aber ist Panik denn berechtigt? Schließlich glaubten Keynes bereits 1933, dass wegen technischer Entwicklungen weitverbreitete Arbeitslosigkeit die Welt plagen würde, da „wir schneller Arbeitsplätze wegrationalisieren, als wir sie schaffen können“. Und wir leben immer noch. Bereits in der ersten Industriellen Revolution war das Geschrei groß, die Sorge nach einer Zerstörung des Arbeitsmarktes wurde als ein Faktum der Zukunft, nicht als eine besorgniserregende Möglichkeit wahrgenommen. Aber es kam anders. Automatisierbare Jobs wurden vernichtet, viele neue Arbeitsplätze wurden gleichzeitig geschaffen, und die Welt drehte sich weiter. Wenn die Zukunftsforscher der Vergangenheit so falsch lagen, müssen wir dann nicht verhindern, dass die Vergangenheitsforscher der Zukunft dieselbe Meinung über die vermeintlichen Alarmisten von heute haben werden? Oder gibt es Grund, davon auszugehen, dass dieses Mal doch alles anders sein wird?

Es spricht Einiges dafür, dass diese Vierte Industrielle Revolution in der Tat andere Folgen hervorrufen wird, als ihre drei Vorgänger. Die Arbeitsplätze, welche nun wegzufallen drohen, betreffen immer häufiger nicht nur den Niedriglohn- und Fertigungssektor, sondern auch den Mittelstand. Besonders Verwaltungsberufe und die Buchhaltung sind bedroht. Und gerade ein Mittelstand mit Abstiegsängsten kann auch zur politisch bedrohlichen Kraft werden. Natürlich bedeutet das nicht, dass sofort alle Verwaltungsberufe wegfallen werden. Es werden weiterhin Menschen notwendig sein, welche Maschinen bedienen und überwachen – aber eben signifikant weniger, und mit teilweise drastisch anderen Qualifikationsanforderungen. Wer dies aber nicht für ein Problem hält, sondern glaubt, dass sich das Rad der Arbeitsmarktentwicklung theoretisch unendlich lange weiterdrehen können wird, postuliert gleichzeitig zwei Dinge: Erstens, dass jeder Mensch – trotz seines endlichen Lebens – für alle praktischen Maßstäbe unendlich lernfähig ist, und entsprechend auf immer kompliziertere Aufgaben ausweichen kann, wenn alte Arbeitsplätze durch Technologie ersetzt werden. Und zweitens, dass der Mensch trotz der theoretisch fehlenden Notwendigkeit zu arbeiten sich mit einer solch unbändigen Kraft nach Arbeit, nach dem Arendt’schen Vita Activa sehnt, dass er selbst bei fehlender Notwendigkeit dazu bereit ist, nicht nur irgendwelche sinnvoll die Zeit füllenden Tätigkeiten, sondern klassische Lohnarbeit zu verrichten. Dass ihm also Arbeit zu haben unter allen Umständen mehr wert ist, als die eigene Freizeit.

Wenn ich – ohne irgendwelche Ahnung von Entwicklungspsychologie zu haben – über das erste Postulat nachdenke, erscheint es mir abwegig, von seiner Wahrheit auszugehen. Können wir Menschen unendlich viel lernen? Können die Menschen kommender Generationen alle Doktoren, Software-Ingenieure, Roboterreparateure und Lehrkräfte werden? Können wir „alle Kohlearbeiter zu Software-Entwicklern umschulen“, wie jüngst Joe Biden in einer Podiumsdiskussion suggerierte, und sich mit den Worten zitieren ließ, dass „jeder, der Kohle in einen Ofen schaufeln kann, verdammt nochmal auch Code schreiben kann“? Sicher, einige Menschen werden das können. Wir sind eine adaptive Spezies. Aber gleichmäßig akademisch begabt sind wir nicht. Zumindest noch nicht – vielleicht könnte ein völlig umgestaltetes Bildungssystem mit größerem Fokus auf frühkindliche Bildung Abhilfe schaffen. Möglicherweise wird es eines Tages gesellschaftliche Norm, dass die ersten drei oder vier Lebensjahrzehnte in Ausbildung verbracht werden, statt die ersten zwei bis zweieinhalb. Aber auch unter solchen Umständen ist die Lerngeschwindigkeit eines Computers größer als die des Menschen. Machine Learning erlaubt, dass mit einem ausreichend großen Datensatz auch nonroutinierte kognitive Aufgaben in kürzester Zeit von Computern erlernt und erledigt werden können (Brynjolfsson & McAfee, 2011). Matej Balog von der University of Cambridge stellte 2017 eine Künstliche Intelligenz vor, welche in der Lage ist, selbstständig kleinere Programmierprobleme zu lösen. Selbst der Bedarf für durchschnittlich qualifizierte Software-Entwickler könnte entsprechend in Zukunft teilweise durch Software gedeckt werden, sodass lediglich besonders hoch qualifizierte Stellen vorläufig von Menschen übernommen werden müssen. Dasselbe gilt für nonrepetitive manuelle Tätigkeiten, auch wenn die Entwicklungsgeschwindigkeit solcher Programme langsamer ist. Der Mensch scheint ersetzlich. Und wen wundert es? Am Ende des Tages sind wir Menschen doch auch nur hochkomplex konstruierte biologische Computer. Warum sollten unsere Fähigkeiten auch langfristig fundamental besser sein?

Ich halte es also für abwegig, davon auszugehen, dass jeder Mensch jede Tätigkeit ganz prinzipiell erlernen und ausführen kann, obwohl diese Annahme weit verbreitet ist. Diejenigen, die empfehlen, dass sich Kohlearbeiter zu Software-Entwicklern umschulen lassen, sind normalerweise weder Kohlearbeiter noch Software-Entwickler. Ich glaube, dass sich die weite Verbreitung dieser Annahme auf die Micky-Mouse-Modellchen zurückführen lässt, die ein jeder Volkswirt in der Uni erlernen muss. Integriert in den grundlegenden Marktmodellen ist die implizite Annahme, dass Arbeit ein in der Einheit „Stunden“ zu quantifizierendes Konzept sei, welches nicht nach Qualifikation des Arbeiters differenziert. Sprich: jeder Arbeiter kann jede Arbeit machen. Wenn ein Arbeitsplatz wegfällt, kann er stattdessen einfach einen anderen Beruf ausüben. Mini-Monopole bilden sich nicht, weder auf Arbeitgeber- oder auf Arbeitnehmerseite. Im 19. Jahrhundert, als viele dieser ökonomischen Modelle entwickelt wurden, hatte dies auch noch seine weit verbreitete intuitive Richtigkeit. Heute nicht, und unsere Modelle sind mindestens fragwürdig. Dies wird beispielhaft klarer, wenn man bedenkt, mit welcher Häufigkeit selbst einfache Umschulungsmaßnahmen der Bundesagentur für Arbeit nicht die gewünschten Ergebnisse hervorbringen. Wenn die Umschulung vom Sicherheitsmann zum Koch schon nicht glückt, scheint es – zumindest bei den derzeitigen Gegebenheiten – unrealistisch zu sein, dass die Umschulung vom Buchhalter zum Softwareentwickler klappen wird. Und die Umschulung vom Koch zum Arzt? Zusätzlich muss bedacht werden, dass die Geschwindigkeit der Automatisierung schlicht zu hoch sein könnte. Selbst wenn der Übergang zu anderen Berufen in einer großen Mehrheit von Fällen gelänge (wovon nicht unbedingt auszugehen ist), wären die Wachstumsschmerzen riesig. Inkrementelle Weiterbildung wird in vielen Fällen nichts bringen, wenn der etwas kompliziertere Job ebenfalls bereits automatisierbar ist, sobald die nötigen Fähigkeiten erlernt sind. Trotzdem: ein holistisches und radikal besseres Aus- und Weiterbildungskonzept wird eine wichtige Säule sein, auf welche die Regierung bauen muss.

Das wird aber nicht reichen. Auch über das Bedingungslose Grundeinkommen werden wir uns Gedanken machen müssen. Wovon sollen denn die Menschen leben, die sich jahrelang in Fortbildungsmaßnahmen und Umschulungen befinden werden? Die erste industrielle Revolution hat kaum vorstellbares Elend hervorgebracht – es wäre schön, wenn sich dieses humanitäre Unglück in der vierten Iteration derselbigen vermeiden ließe. Das derzeitige System der sozialen Sicherung, sprich Arbeitslosengeld inklusive Bedürftigkeitsprüfung, Sanktionen und so weiter wird mit einer sehr hohen Zahl an Arbeitslosen kaum fertig werden können. Und wäre es wirklich wünschenswert, 47% der deutschen Bevölkerung zu Bittstellern zu degradieren? Nein. Strukturelle Arbeitslosigkeit – und in diese Kategorie fällt Arbeitslosigkeit, wenn sie durch Technologie induziert wird – so zu behandeln, als wäre sie durch Selbstverschulden des Arbeitnehmers verursacht, ist töricht; diese Anschuldigung ist unseren Mitbürgern gegenüber respektlos und ihrer unwürdig.

Wie ein Bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) genau auszusehen hat, und wie man es erfolgreich implementieren kann, müssen klügere Köpfe als ich erörtern. Die Funktion scheint aber klar zu sein: ein Bedingungsloses Grundeinkommen, welches den Namen verdient, müsste hoch genug sein, um die Miete und ein bescheidenes, jedoch würdiges und Beteiligung an der Gesellschaft ermöglichendes Leben zu garantieren. Sprich: Es müsste das tatsächlich halten, was Hartz IV fälschlicherweise verspricht. Nur dann wäre das BGE ein wirklicher Ersatz für die Sozialämter dieses Landes – und die Kosteneinsparungen, welche durch die Verwaltungsverschlankung möglich werden, werden ja auch dringend für die Finanzierung des BGEs benötigt. Verschiedene Zahlen werden immer wieder genannt: die Grenzen der ernstgemeinten Diskussion scheinen die Werte 700€ bis hin zu 1500€ im Monat zu bilden. Für Kinder scheint ein reduziertes BGE, welches ab einem gewissen Alter direkt an sie ausgezahlt wird und das Kindergeld ersetzt, erstrebenswert zu sein. Auch weitere Monster aus dem bürokratischen Ordovizium wie das BaFöG könnten durch das BGE elegant abgeschafft werden.

Die Frage, wie sich ein solch großes Projekt finanzieren ließe, ist sehr berechtigt. Um eine kurze Papierserviettenrechnung durchzuführen: Laut dem Statistischen Bundesamt leben knapp 70 Millionen volljährige Menschen in Deutschland. Wenn jeder und jede von ihnen 1200€ im Monat erhielte, wären das pro annum ziemlich genau eine Billion Euro. Klingt erst einmal dramatisch. Wenn man aber bedenkt, dass die 140 Milliarden aus dem Arbeits- und Sozialministerium so gut wie komplett zur Finanzierung herangezogen werden könnten, und man einen Teil der 260 Milliarden Euro, welche pro Jahr als Renten ausbezahlt werden, ebenfalls in diesen Topf transferieren könnte (natürlich ohne dadurch auch nur einen Rentner finanziell schlechter zu stellen), verringern sich die Ausmaße des zu stopfenden Loches bereits um ein Drittel. Die weiteren zwei Drittel könnten möglicherweise durch eine Mehrwertsteuer (besonders auf Luxusgüter), eine Einkommenssteuer für Roboter, eine deutlich progressivere Einkommensteuer für äußerst gut verdienende Menschen, eine Finanztransaktionssteuer, eine Vermögenssteuer und durch die höheren Steuereinnahmen aufgrund der stark angekurbelten Konsumausgaben finanziert werden. Diese starken Umverteilungsgedanken sorgen – verständlicherweise – erst einmal für Schnappatmung unter Besserverdienenden. So muss es aber nicht sein. Wenn Arbeit ein immer geringerer Faktor wird, da es als Produktionsmittel zunehmend durch Kapital ersetzt wird, ist es nur logisch und gerecht, wenn die Besteuerung sich ebenfalls verändert. Der Preis, dies nicht zu tun, wäre eine Explosion der Ungleichheit und eine Destabilisierung der Gesellschaft. Folglich ist es wichtig, dass alle Mitglieder und Elemente der Gesellschaft an der Lösung des Finanzierungsproblems beteiligt sind, und dass sich besonders Großunternehmen und Milliardäre nicht dank hoher Kapitalmobilität aus der Affäre ziehen können. Andrew Yang’s Plan, seine Freedom Dividend primär durch eine Mehrwertsteuer zu finanzieren, würde das gewährleisten. Götz Werner, DM-Gründer, unterstützt einen ähnlichen Plan, wenn auch aus nicht ganz uneigennützigen Gründen, da er gleichzeitig für eine Reduktion der Unternehmens- und Kapitalbesteuerung plädiert. Weitere Stimmen argumentieren, dass eine Finanztransaktionsteuer alleine das BGE schultern könnte.

Dass das Bedingungslose Grundeinkommen nicht die rotweinduselige Weltverbessereridee einiger linksradikaler Zweitklass-Ökonomen ist, sondern durchaus Hand und Fuß hat, lässt sich erkennen, wenn man die Liste der Unterstützer studiert. Neben Martin Luther King und Barack Obama argumentierten selbst die Gallionsfiguren neoliberaler Wirtschaftsdogmatik, Friedman und Hayek, dass ein Bedingungsloses Grundeinkommen notwendig und richtig ist. Das amerikanische House of Representatives beschloss sogar im Jahre 1970, während der Nixon-Administration, dass eine Art Bedingungsloses Grundeinkommen eingeführt werden soll – das Gesetz scheiterte im Senat an Senatoren der Demokratischen Partei, allerdings nur, weil sie ein noch höheres Grundeinkommen forderten. Trotz breiter Unterstützung ist klar, dass es sich hier um einen Fundamentaleingriff in das aktuelle Wirtschaftsgefüge handeln würde. Doch dieses ist schlicht notwendig. So zu tun, als sei das aktuelle Wirtschaftssystem in der Ausprägung, wie wir sie in Deutschland 2019 beobachten, im Optimalzustand, ist mit Verlaub eine ideologisch eingefärbte Realitätsverleugnung, an welcher nur noch die Profiteure des neoliberal geprägten Kapitalismus ernsthaft festhalten können. Wissen Sie, was das Nettomedianeinkommen in Deutschland ist? Es liegt bei knappen 1400€. Ja, Sie haben richtig gelesen, fünfzig Prozent der deutschen arbeitenden Bürger haben sogar noch weniger als 1400€ im Monat zur Verfügung. Manche Ickinger bezahlen mehr für das Leasing ihres Autos. Die Reallöhne in Deutschland stagnieren seit dem Jahr 2000. Seit den 1990er-Jahren steigt der Gini-Koeffizient in Deutschland konstant an. Die Erhöhungen der Produktivität der letzten drei Jahrzehnte haben sich so gut wie ausschließlich auf die Kontostände der Kapitalbesitzer ausgewirkt. Sir Paul Collier, ein britischer Ökonom, dem man wahrlich keine Blauäugigkeit oder sozialistische Neigungen unterstellen kann, sagte in einem Vortrag, den ich besuchen durfte, dass Kapitalismus „ein sehr gutes Wirtschaftssystem ist, das aber leider nicht im Autopilot funktioniert. Und wir haben es seit den 1980ern im Autopilot laufen lassen.“ Probleme entwickeln sich, die manchmal auch mit radikal erscheinenden neuen Ideen gelöst werden müssen, sonst droht im Laufe der Zeit entweder Kollaps oder Revolution. Während Steuererhöhungen sicherlich nicht jedem Bürger Freude bereiten werden, müssen sich Kritiker die Frage stellen, wie viel sozialer Zusammenhalt und gesellschaftlicher Friede (mal ganz abgesehen von einem würdevollen Leben ihrer Mitmenschen) wert ist.

Gerade konservative Kreise begegnen dem BGE aber immer wieder mit Skepsis. Man warnt davor, dass die Menschen ihre Jobs kündigen und kollektiv nicht mehr arbeiten würden, und stattdessen herummarodierend und Schindluder treibend durch die Gassen dieses gelobten Vaterlandes ziehen würden. Eine MIT-Studie zeigt, dass diese Sorge unberechtigt zu sein scheint: Lediglich junge Mütter und Schüler entscheiden sich, weniger Stunden zu arbeiten, wenn ein Staat Geldtransferprogramme durchführt (Banerjee et al, 2016). Dass diese Gruppen weniger arbeiten, halte ich für durchaus vertretbar. Experimente, welche in den 1970ern in USA durchgeführt wurden, belegten dies ebenfalls. Darüber hinaus sollte bedacht werden, dass selbst 1500€ im Monat nicht gerade für ein Leben in Saus und Braus reichen werden. Es reicht, um Existenzängste zu relativieren und die Fallhöhe des Bürgers, welcher seinen Arbeitsplatz verliert, zu reduzieren. Wer sich mehr leisten können will, wird weiterhin einem Job nachgehen müssen. Und wer prinzipiell mehr vom Leben möchte, hat dann die Initiative, sich so viel wie möglich fortzubilden – ohne Angst zu haben, in den finanziellen Abgrund zu stürzen. Ein Aufblühen von Kunst, Kultur, Philosophie und anderen brotlosen Tugenden scheint glücklicherweise unvermeidbar.

Paternalistisches Fingerwedeln scheint mir daher unberechtigt zu sein. Ärgern tut mich als Vertreter der jungen Generation bei diesem Gehabe älterer Jahrgänge, dass ihre Transformationsablehnung nicht immer von Sachkenntnis untermauert zu sein scheint. Vielmehr ist ein „ Die Jugend von heute“-Geraune zu vernehmen, welches besonders vor dem Hintergrund, dass unsere Generation wegen vergangener Fehler, gerade im Themengebiet Klima, einer mehr als ungewissen Zukunft entgegenblickt, ausgesprochen hypokritisch tönt. Nichtsdestotrotz möchte ich den BGE-Kritikern in einem Punkt Recht geben. Ich glaube nicht, dass es ohne weiteres möglich sein wird, Millionen von Menschen, welche keine Fortbildung mehr wahrnehmen können oder wollen, ohne weitere Schwierigkeiten in der Mitte der Gesellschaft halten zu können. Wir werden unser Bild vom Menschsein, vom Bürger und vom Arbeiter überdenken müssen.

Aktuell wird ein erheblicher Teil unseres Selbstwertgefühls von der Tätigkeit, die wir ausüben, definiert. Wird man auf einer Party gefragt: „Was bist du?“ ist die Antwort normalerweise eine Berufsbezeichnung, wenn man denn eine hat, nicht etwa „ein nachdenklicher Mensch“, „eine Mutter“ oder „ein Hobbymusiker“. Aber nur weil in unserem aktuellen Gesellschaftsverständnis die Art des Schaffens, welche wir tagtäglich betreiben, einen solch identitätsdefinierenden Stellenwert hat, muss das noch lange nicht richtig oder unvermeidlich sein. Wir werden andere Stützen des Selbstwertgefühls errichten können und müssen.

Auch unser Arbeitsbegriff ist stark romantisiert. Arbeiten an sich wird als etwas Tugendhaftes betrachtet, nicht als eine moralisch agnostische Lebensnotwendigkeit. Nach dieser Logik wären aber sinnlose Tätigkeiten wie die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen der DDR als moralisch gut zu bewerten. Genauso müsste Sisyphos’ Bestrafung ja viel eher ein Geschenk der Götter sein, da es ihm eine Aufgabe im Leben gegeben hat. Charles Fourier beschrieb 1835 das „Recht auf Arbeit“, welches um jeden Preis zu gewährleisten sei, da nur dies den Armen eine würdige und aufrechte Existenz sichern kann. Anhänger des Libertarismus wie Ayn Rand glaubten ebenfalls, dass finanzielle Unterstützung vom Staat nur zu einem Leben in würdeloser Abhängigkeit und einem degenerierten Dasein führen könnte. Ich glaube zwar auch, dass das Gefühl, nichts zu tun zu haben, nicht gebraucht zu werden und sinnlos zu sein, geradezu seelenzerfressend sein kann. Dieses Gefühl kann sich aber genauso für den „entfremdeten Arbeiter“ im Marx’schen Sinne einstellen, wie für denjenigen, der „das Joch der Arbeit“ bereits völlig abgelegt hat. Es ist also nicht die Lohnarbeit an sich, welche Sinn stiftet. Vielmehr geht es darum, dass das Produkt der eigenen Tätigkeit das Leben der Mitglieder unserer Gemeinschaft verbessert. Das ist doch die Entfremdung, von der Marx spricht: Dass der Mensch nicht mehr das Produkt seiner eigenen Arbeit sehen kann. Am Ende des Tages sind Menschen doch sehr soziale Wesen, denen die anderen Mitglieder der Gemeinschaft am Herzen liegen.

Auch zu erwähnen ist, dass das Gefühl der Anerkennung Triebfeder dieses Empfindens zu sein scheint, neben allen tieferliegenden evolutionsbiologischen Überlegungen. Und das sehe ich als den entscheidenden Hebel. Um landesweite Depression zu verhindern, muss – frei nach Tocqueville – jede Tätigkeit, welche anderen Mitmenschen das Leben erleichtert oder versüßt und deswegen Anerkennung hervorruft, stärker entwickelt werden. Das Vereins- und Gesellschaftsleben muss stark ausgebaut werden. Jeder Bürger muss die Möglichkeit haben, sich in einer angenehmen und förderlichen Weise in der Gesellschaft einzubringen. Er muss Fähigkeiten lernen können, seinen Hobbys nachgehen können, Kunst schaffen können, Sport treiben können, freiwillig seinen Mitmenschen helfen können, Philosophieren können, in Gemeinschaften einfach die Gesellschaft anderer Menschen genießen können, sich in jede beliebige Richtung bilden können und so weiter. Man beachte: Der Mensch soll all dies können, aber weder explizit noch implizit eine solche Tätigkeit ausführen müssen. Er muss auch das Recht haben, weiterhin zu arbeiten, oder einfach gar nichts zu tun. Die Transformation in eine andere Sinnökonomie ist eine zivilgesellschaftliche, keine staatliche Aufgabe; alles andere würde totalitäre Züge annehmen. Einer der entscheidenden Fehler des Stalinistischen Sozialismus war, dass postuliert wurde, dass jeder Mensch an derselben Art von Tätigkeit Gefallen finden würde, ja Gefallen finden müsste, und dass folglich nur ein Lebensmodell als „richtig“ zu bewerten sei. Notwendig wäre stattdessen zu akzeptieren, dass jeder Mensch eigene Vorstellungen vom „guten Leben“ hat, und ihm dann die Möglichkeiten und die Freiheit geben, diese zu entfalten. Wenn Sozialliberalismus allerdings weitgehend akzeptiert ist, glaube ich, dass ein Leben mit sozialem Frieden möglich ist.

Da aber das Leben nicht nur aus acht Stunden Freiwilligenarbeit, Bildung und Vereinswesen am Tag bestehen kann, müssen wir als Gesellschaft einen weiteren Schritt gehen. Wir müssen Faulheit enttabuisieren. Wahre, aufrichtige, nutzlose Faulheit. Bereits heute ist der kleine Bruder von Faulheit, Müßiggang, in den richtigen Kreisen keineswegs ein Tabu. Müßiggang ist aber eigentlich nur die Ausspannung, um endlich wieder genug Saft in den Akkus zu haben, um wieder arbeiten gehen zu können. Müßiggang ist auch eine Tätigkeit, die den vornehmen und gebildeten Menschen vorbehalten zu sein scheint. Ein Müßiggänger ist jemand, der beim Spaziergang an der Isar über Heidegger nachdenkt, oder der Geige spielt, oder der sich von den Brüdern Karamasow verzaubern lässt – nicht etwa jemand, der auch mal RTL2 schauen würde. Solche Leute taugen höchstens zum Taugenichts, nicht zum Müßiggänger, denkt der intellektuelle Wichtigtuer. Sowieso ist anscheinend jemand, der noch nie Burnout hatte, eine langweilige Niete, die vermutlich noch nie einer anspruchsvollen Tätigkeit nachgegangen ist, und eigentlich als Versager zu betrachten. Arbeitsfetischismus ist zwar kein Thema des öffentlichen Diskurses, aber weit verbreitet. Zumindest, wenn man nicht tatsächlich körperliche Arbeit verrichten muss. Einem Maurer, der Arbeitsfetischist wäre, bin zumindest ich noch nicht über den Weg gelaufen.

Das Amüsanteste am Arbeitsfetischismus ist, dass er wirklich ganz und gar unnötig zu sein scheint. Es spräche absolut nichts dagegen, mit jedem Anstieg der Produktivitätsrate einfach die Arbeitszeit zu verringern, statt den Wohlstand zu erhöhen. Dass die Erhöhung der Produktivität seit mindestens 30 Jahren von Lohnerhöhungen entkoppelt ist, wurde bereits erwähnt, entsprechend gilt die Gleichung „Mehr Produktivität = Mehr Geld“ für die Mehrheit der Deutschen sowieso nicht mehr. Es ist die Begierde einiger Weniger nach einem immer höheren materiellen Wohlstand, der ihnen zumeist nicht mehr wirklich etwas bringt, welche die Dynamik des Arbeitsfetischismus treibt – in der Fehlannahme, dass höherer Wohlstand mit höherer Zufriedenheit korreliert. Wenn wir uns aber heute mit dem durchschnittlich in Deutschland vorherrschenden materiellen Lebensstandards des Jahres 1912 begnügen würden, müsse niemand mehr als 15 Stunden pro Woche arbeiten (Grießler & Mayr-Keber, 2016). Wäre dann durch die viele Freizeit die Zufriedenheit der Menschen nicht möglicherweise mindestens genauso hoch, wie sie es heute ist? Zu diesem Schritt könnten wir sogar gezwungen werden, da die Ressourcenknappheit eigentlich verbietet, unseren materiellen Lebensstandard immer weiter zu erhöhen – zumindest, wenn dieser Ausbau ohne Rücksicht auf Nachhaltigkeit geschehen würde.

Unabhängig vom Bedingungslosen Grundeinkommen wird es mit dem Anstieg automatisierter Fertigung für mehr und mehr Menschen möglich werden, das zu besitzen, was bislang nur als Luxusgut und Statussymbol bekannt ist. Lediglich eine Abkehr vom wild wuchernden Wachstumsstreben hin zu gezielten, chirurgischen Verbesserungen des Lebensstandards durch materielle Güter, wo es eben nötig ist, um eine tatsächliche Steigerung der Lebensqualität zu erzielen, wird das Ressourcenproblem im Zaum halten können. Wohlstand ist für den Lebensstandard wichtig, keine Frage, aber um es mit den Worten von Derek Parfit zu sagen: „Genauso wie der Grenznutzen von Gütern abnehmend ist, ist die moralische Signifikanz von (materiellem) Lebensstandard ebenfalls im Grenzwert abnehmend.“ Man kann einen höheren Lebensstandard – im Sinne von einer höheren Zufriedenheit mit dem eigenen Leben – auch erreichen, ohne mehr Geld zu verdienen oder ein größeres Boot zu besitzen. Zum Beispiel, indem man das kleinere Boot auf dem Starnberger See für mehr Stunden pro Monat nutzt. Wenn sich eines Tages praktisch jeder eine Yacht leisten kann, da Roboter diese Vehikel für ein paar hundert Euro Materialkosten unters Volk bringen können, ist das erst mal nichts Schlechtes: Gemütliche Sommerwochenenden auf einem Boot sind ein zufriedenheitsfördernder Zeitvertreib. Wenn aber der Reiche auf die Vielzahl von kleinen Booten reagiert, indem er eine doppelt so große Jacht bauen lässt, ebenfalls von Robotern, kommen wir langfristig in eine absurde Eskalationsspirale. Es wird schwer zu sein, den Punkt zu erkennen, an welchem der Grenznutzen des materiellen Fortschritts mehr Probleme verursacht, als er löst. Deswegen ist es nötig, sich vom blinden Wohlstandswunsch zu verabschieden, und Güter als das zu betrachten, was sie meiner Meinung nach sein sollten: ein Mittel, um ein komfortables Leben führen zu können, und nicht etwas intrinsisch Wertvolles.

Über die Identität des einzelnen Menschen hinausgehend wird sich aber die Identität der gesamten Gattung Mensch ebenfalls einer Kur unterziehen müssen. Wie Richard David Precht in einem Interview mit Tilo Jung herrlich kompakt zusammenfasst, war in der abendländischen Philosophiegeschichte die Abgrenzung zwischen Mensch und Natur immer über den logos definiert. Der Verstand, sprich die Fähigkeit zur Rationalität und zur Mäßigung seiner Triebe, war immer das Alleinstellungsmerkmal des Menschen. Wir stellen allerdings fest, dass Künstliche Intelligenz eben diese rationale Denkstruktur in manchen Bereichen sogar besser beherrscht als wir. Die Neudefinition des anthropologischen Subjekts wird uns Menschen als Wesen charakterisieren, welche die besondere Eigenheit haben, dass sie die Brücke zwischen Verstand und Irrationalität, zwischen Nutzenabwägung und Empathie, bauen können. Wir sind diejenigen, die lieben und feiern, welche das Leben genießen und irrationale Ansichten haben, welche himmelhoch jauchzen und zu Tode betrübt sind, welche vermissen und sehnen, welche leiden und streben, aber trotzdem nach einer versoffenen Nacht den Sonnenaufgang beobachtend zur tiefen Reflektion fähig sind. Daneben sind wir auch noch innovativ und rational. Das, was uns dem Tier ähnlich macht, wird stärker betont werden. Der Mensch kehrt in seinem Selbstverständnis zur Natur zurück.

Viele Gedanken werden wir uns machen müssen, ob wir das Bedingungslose Grundeinkommen nun einführen oder nicht. Ich halte es für sinnvoll, diese Debatten geführt und ihre Konsequenzen implementiert zu haben, bevor Arbeitslosigkeit und Ungleichheit das politische System in allen Fugen krachen lässt. Eines steht fest: Zum ersten Mal in der Geschichte wird es möglich sein, dass sich der Mensch von existenziellen Sachzwängen befreit. Es kann sein, dass ein Kind, welches heute geboren wird, bereits nicht mehr arbeiten muss, sondern es nur noch möchte. Diese Ausgangslage scheint mir das Potenzial zu haben, eine ungeheure menschliche Blütezeit einzuläuten. Allerdings scheint es offensichtlich zu sein, dass sich ein solcher Zustand nicht automatisch, ohne staatliche, wirtschaftliche und gesellschaftliche Steuerung einstellen wird. Das große Experiment vermag auch in einer Katastrophe zu enden. Im Extremum droht eine pervertierte Renaissance des Manchester-Kapitalismus, mit einer außer Kontrolle geratenen Ungleichheit. Viel wird neu erdacht, philosophiert, erschaffen werden müssen – das steht außer Frage. Ob die SPD ein Organismus ist, welcher einen solchen Denkprozess sinnvoll durchführen kann, vermag ich aktuell nicht zu beurteilen. Die Rolle des Reparateurs wird unsere alte Dame gut ausfüllen können – aktuell gilt es aber noch zu vermeiden, dass Scherben aufgekehrt werden müssen, statt bereits den Besen in die Hand zu nehmen. Andrew Yang, welcher trotz aktuell noch mangelnder Chancen auf die Präsidentschaft seine Rolle als draußen vom Walde her kommender Debattenanstoßer vorzüglich ausfüllt, ist deutlich progressiver unterwegs, und sollte unserer Partei in vielen Hinsichten als Vorbild dienen.

Ich möchte mit einer Abwandlung von Francis Fukuyama’s berühmtem Aphorismus schließen: Das Ende des Endes der Geschichte hat angefangen. Zu verfolgen, welche Autoren das nächste Kapitel verfassen werden, wird eine ungeheuer spannende Angelegenheit sein.

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